Aliens im Anthropozän

Warum nur ein Bewusstseinswandel die biologische Invasion eindämmen kann

Der Druck ist enorm: Hunderte Aliens kommen jedes Jahr als blinde Passagiere allein im Hamburger Hafen an, exotische Insekten fliegen Flugzeug, Touristen krabbeln lebendige Souvenirs aus dem Gepäck. Noch nie in der Erdgeschichte waren Tier- und Pflanzenarten derart mobil und konnten in kürzester Zeit Gebirge, Wüsten und Meere überqueren. Die Globalisierung hat der Natur Millionen Mitfahrgelegenheiten beschert – aber kaum einer ist sich dessen bewusst.

Die gute Nachricht ist: Nur ein Bruchteil der eingeschleppten Arten kann sich etablieren. Die Schlechte: Es werden mehr. Während der Mensch eher Krankheiten und Kosten fürchtet – die EU schätzt Schäden durch invasive Arten auf jährlich zwölf Milliarden Euro –, geht es der Natur an die Substanz. Invasive Arten sind ein entscheidender Faktor für den Verlust biologischer Vielfalt.

Eine riesige Mitfahrzentrale für Aliens
Der Mensch ist für diese Entwicklung verantwortlich, denn die wichtigsten Treiber der Invasion – Globalisierung und Klimawandel – sind menschgemacht. Weltumspannende Lieferketten, dazu immer mehr Reisen, sind für invasive Arten wie eine riesige Mitfahrzentrale. Nur: Lassen sich die Interkontinentalverkehre des 21. Jahrhunderts reduzieren? Dafür bräuchte es schon einen neuen Ölpreisschock. Ein höheres Problembewusstsein allerdings könnte schon jetzt zu effektiveren Schutzvorkehrungen gegen blinde Passagiere führen, wie sie für Ballastwassertanks von Ozeanriesen bereits eingeführt wurden.

Dann der Klimawandel: Durch steigende Durchschnittstemperaturen können sich viele eingeschleppte Arten leichter etablieren. Nur: Selbst wenn die Erderwärmung gestoppt werden könnte – woran ja kaum noch jemand zu glauben scheint –, würden die bereits ausgestoßenen Treibhausgase die Atmosphäre noch mindestens 50 Jahre weiter erwärmen. Der Klimawandel hat einen langen Bremsweg.

Ein geschärftes Problembewusstsein dürfte somit das größte Potenzial bei der Eindämmung der biologischen Invasion haben. Längst ist der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren biologischer, geologischer und atmosphärischer Prozesse der Erde geworden. Wissenschaftler sprechen vom Anthropozän, dem menschgemachten Zeitalter. Doch es fehlen ein Bewusstsein für das Ausmaß dieser Taten sowie eine Verantwortung für deren Konsequenzen. Nur wer weiß, was eingeschleppte Arten anrichten, wird auch verantwortungsvoller damit umgehen können. Deshalb: Wir brauchen nicht weniger als eine neue Aufklärung über die Konsequenzen unseres Lebensstils für kommende Generationen.

Dennis Melsa
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in NATURFREUNDiN 4-2014.

Dennis Melsa (34) ist Bundesgeschäftsführer der Naturfreundejugend Deutschlands und Diplom-Biologe.